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mit zehn Jahren. Eine Kindheit als Analogue Native.

By Raimund / Oktober, 16, 2016 / 5 comments

1972, im März, wurde ich 10 Jahre alt. Die Sommer waren noch richtige Sommer, die Winter so, wie man sich richtige Winter vorstellt. Klingt kitschig, war aber so. Wenn ich nicht in der Schule oder zuhause bei den Hausaufgaben saß, war ich viel draußen. Meine Kindheit fand auf dem Bolzplatz statt. In Feldern und Wäldern. Auf dem Land. Im Münsterland. In Nordrhein-Westfalen.

Älter werden war in meiner Kindheit eine wunderbare Perspektive.

Mit zehn Jahren habe ich mich noch darauf gefreut älter zu werden. Ach was, gefreut, ich konnte es nicht abwarten, älter zu werden. Viele Zwänge würden wegfallen und ungeahnten Freiheiten Platz machen (Haha).

Kindheit

Sonntags nicht mehr in die Kirche müssen, wohin man vor allem ging, weil die Eltern Angst vor dem Gerede der Nachbarn hatten, wenn man es nicht tat. Sonntags nicht mehr mit Oma, Opa und der ganzen Familie in Sonntagskleidung spazieren gehen müssen. So lange aufbleiben wie ich wollte. Im Sommer stand ich oft hinter einem Spalt hochgezogener Jalousie, um den anderen Kindern auf der Straße beim Spielen im Sonnenuntergang zuzusehen.

Französisch oder Latein.

1972 wechselte ich von der Grundschule auf ’s Gymnasium. Das bedeutete zum einen eine neue Route für den Schulbus, zum anderen dass meine Eltern und ich entscheiden mussten, ob ich neben Englisch Latein oder Französisch als zweite Fremdsprache lernen wollte. Für Französisch sprach, wenn ich mich richtige erinnere, damals nur, dass es eine so genannte lebende Sprache ist, während Latein ja schon lange tot war. „Latein ist die Grundlage aller romanischen Sprachen. Wenn Du Latein kannst, lernst Du all romanischen Sprachen im Handumdrehen.“ haben sie gesagt. „Mit dem Latinum kannst Du später Medizin studieren .“ haben sie gesagt. Somit war das Große Latinum beschlossene Sache.

Früher war alles besser. Nicht.

1972 wurden die in München stattfindenden Olympischen Spiele von einer Geiselnahme mit katastrophalem Ende überschattet. Grundlage war der bis heute anhaltende (und – jede Wette – zu meiner Lebenszeit nicht endende) so genannte Nahostkonflikt.
1972 wurde die Führung Baader-Meinhof-Gruppe verhaftet. Dennoch kann die RAF weitere Anschläge verüben.

Der 1955 begonnene Vietnamkrieg tobte 1972 immer noch.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir Kinder all das schon diskutiert hätten. Das kam erst später, als man uns Jugendliche nannte. Bis dahin blieb der ein oder andere schwarz-weiße Moment einer Nachrichtensendung im Gedächtnis wie aus einem Krimi oder einem Gruselfilm. Unwirklich und weit genug weg, als dass es eine reale Bedeutung hätte haben können.

Lutz Prausers Blogparade „Als ich zehn war.“

Vielen Dank, lieber Lutz Prauser für diese Blogparade. Bis zum 30. Oktober können Beiträge eingereicht werden.

 

Einladung zur Blogparade „Als ich zehn war“

Gelegentlich mache ich ja bei Blogparaden mit, schreibe über Leidenschaft, München, Sammelwut, Urlaubziele, Stadt oder Land, gegen Rechts, und was sonst noch so an Themen, die mich interessieren, aufgerufen wird. Zeit wird’s eine eigene Blogparade ins Leben zu rufen. Und hier ist sie: Habt Ihr Lut, mitzumachen? Dann seid Ihr herzlich eingeladen.

5 Responses to mit zehn Jahren. Eine Kindheit als Analogue Native.

  • […] Raimund Verspohl erinnert sich, dass früher mitnichten alles besser war – aber einiges eben schon. Und so war Älterwerden eine wunderbare Perspektive. Und die Frage des Jahres lautete: Französisch oder Latein. […]

  • Lutz Prauser

    Vielen Dank für’s Mitmachen. Da werden beim Lesen Erinnerungen wach: Zum Beispiel die Frage ob Latein oder Französisch… was wurde die bei uns diskutiert. Meine Güte.

    • Raimund

      Lieber Lutz. Danke Dir für die Gelegenheit. Und ja. Ab der Mittel- und Oberstufe ging das Diskutieren so richtig los. Vor allem politisch.

  • Phil

    echt super – ich Fotografiere auch heute noch meine ganzen Reisen mit der Analogen Canon A1. Macht einfach richtig viel Spaß! 🙂

  • […] Raimund Verspohl erinnert sich, dass früher mitnichten alles besser war – aber einiges eben schon. Und so war Älterwerden eine wunderbare Perspektive. Und die Frage des Jahres lautete: Französisch oder Latein. […]

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