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München. 22. Juli 2016. Eine Sicht. Keine Spekulation.

By Raimund / Juli, 24, 2016 / 0 comments

Gegen 19:00 Uhr an diesem Freitag hatte ich mein letztes Shooting beendet. Mein Kunde ging mit der Visagistin noch mal in den Schminkraum, um das Make-up entfernen zu lassen, während ich mit dem Aufräumen begann.

„Haben Sie schon gehört? Anschlag im Olympia Einkaufszentrum.“

Mit diesen Worten kam mein Kunde aus dem Schminkraum zurück. Meine Visagistin las uns aus Meldungen vor, die sie von einer Freundin, Anwohnerin des OEZ München, bekommen hatte. Schießerei. Mehrere Täter, die nun auf der Flucht seien. Wie weit ist das weg, fragte mein Kunde, der jetzt noch mit dem Auto nach Frankfurt zurück fahren wollte. „Sollen wir noch hier im Studio bleiben und abwarten?“, fragte ich, aber die Visagistin und er wollten beide lieber schnell nach Hause fahren.

Allein im Studio schickte ich dann als erstes eine SMS an Stephanie, ob sie schon Zuhause sei. Die Antwort kam umgehend, sie war zuhause. Heute hatte sie darauf verzichtet, nach der Arbeit noch in die Stadt zum bummeln zu fahren. Wann ich heimkäme, wollte sie wissen. Eine weitere Schießerei am Stachus würde gerade gemeldet.

Wie fahre ich jetzt?

Der Stachus liegt auf, beziehungsweise in der Nähe meiner Route vom Studio nach Hause, die vom Westen durch ’s Zentrum in den Osten Münchens führt. Ich beschloss über den mittleren Ring die Stadt zu umfahren. welche Richtung, wollte ich spontan an der Auffahrt entscheiden.

Zunächst aber musste ich eine Weile warten, bis ich den Studioparkplatz überhaupt verlassen konnte. Der Weg raus wurde mir durch eine endlos erscheinende Schlange von Stadtbussen versperrt. Wie ich richtig vermutete, war der gesamte öffentliche Personennahverkehr eingestellt worden. Ein oder vielleicht sogar das einzige Depot für die Stadtbusse befindet sich direkt neben dem Studiogebäude.

Ich sah kurz auf Facebook und Twitter nach. Auf facebook einige ’safe-Meldungen‘, Anteilnahme, Diskussionen, vor allem aber auch schon die ersten Schlussfolgerungen und Anklagen.

Nach einer Weile konnte ich losfahren. Die Landsberger Straße Richtung Zentrum. Die kleine Seitenstraße, die ich normalerweise vor der Donnersberger Brücke nahm, um dem ersten Stau zu umgehen, war gesperrt. So also weiter auf der Hauptstraße. Ich entschloss mich spontan für die nördliche Richtung auf dem Mittleren Ring. Der führt auch nah am OEZ vorbei, erschien mir aber immer noch sinnvoller als mitten durch die vielleicht mittlerweile chaotische Innenstadt.

Während der Fahrt wurden immer wieder Rettungsgassen gebildet, um eine Reihe von Polizei- und Rettungsfahrzeugen durchzulassen. Im Radio hieß es weiter: Drei Attentäter auf der Flucht. Über der Stadt Hubschrauber. Ungewissheit.

Zuhause.

Die Fahrt ging viel besser und schneller als befürchtet. In unserem pittoresken Haidhausen schien alles wie eh und jeh. Zuhause angekommen beantwortete ich besorgte Nachfragen von Verwandten und Freunden per SMS, facebook Status oder PM.

ARD Sondersendung.

Schießerei. Langwaffen. 3 Täter noch nicht gefasst. Zahl der Opfer. Interviews. Auch in der ARD viele Spekulationen und Mutmaßungen.

Eine Sicht. Keine Spekulation.

Nach zwei, drei Stunden an wiederholten Zusammenfassungen und wiederholten Interviewaufzeichnungen, nicht wirklich neues. Gesicherte Erkenntnisse nicht in Sicht. Wie die Lage am nächsten Tag sein würde? Ungewiss.

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