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Das richtige Objektiv für Porträts? Selfies verändern unsere Wahrnehmung.

„Wofür willst ’n das? Das ist aber kein Objektiv für Porträts.“ fragte mich der Mann im Fotoladen. Ich hatte gar nicht gesagt, dass ich die 28 mm Brennweite für Porträts einsetzen würde, aber er ging wohl davon aus, da er meine Arbeiten kennt. 28er Brennweite ist Weitwinkel. Das bedeutet unter anderem, je weiter mein Motiv außerhalb des Bildzentrums liegt desto mehr wird es verzerrt, auseinandergezogen. Wohingegen in der Mitte alles schmaler und komprimierter wirkt.

Das richtige Objektiv für Porträts?

Als für die Porträtfotografie am besten geeignete Objektive gelten in Fachkreisen im allgemeinen Brennweiten von 50 – 135 mm. Ausgehend davon, dass die verwendete Kamera mit einem Vollformatsensor ausgestattet ist. Hier sind die klassisch verwenden Festbrennweiten für Porträts 85mm, 105 und 135mm. Die vorhin erwähnten 50 mm sollen angeblich die Proportionen unseres Spiegelbilds am besten abbilden. In der Fachliteratur wird dringend davon abgeraten, diese 50 mm zu unterschreiten. Wegen der Stärke der eingangs erwähnten Verzerrungen. Die hängen nicht nur von der Brennweite ab, sondern ebenso von der Entfernung zwischen Objektiv und Motiv. Heißt, wenn ich mit einer 50 mm Linse zu nah am Model bin, wirken seine Proportionen auch schnell verzerrt und unrealistisch.

So viel zur Theorie. Einer Theorie, die bisher sicher auch in der Wahrnehmung von Fotos ihre Entsprechung fand.

Selfies verändern unsere Wahrnehmung.

Mit Etablierung der Smartphones hießen Selbstporträts Selfies und die 50 mm Untergrenze ist längst unterschritten. Duckfaces und andere Gesichter sind nicht selten extrem verzerrt, was Inhaberinnen und Inhaber dieser Gesichter aber nicht im geringsten stört, wenn sie diese in den Social Media Kanälen, allein voran Instagram, posten.

Im Laufe der Geschichte haben sich Schönheitsideale und Ästhetisches Empfinden, nicht nur in der Fotografie, ständig verändert.

Ich denke, Smartphones haben und werden weiterhin unseren Blick auf die Porträtfotografie grundlegend verändern. Wenn Du heute ein Porträt mit einer 85er Brennweite fotografierst, wundere Dich nicht wenn ’s später heißt: „Ich sehe irgendwie dicker aus!“

 

Kurze Brennweite macht ein schlankes Gesicht.

Schon mal jemandem Abseits erklärt, oder erklärt bekommen? Und? Alles klar? Ging so, hm? Auch in der Fotografie gibt es ein paar Regeln, die sich mit Worten nicht so leicht und schnell veranschaulichen lassen. Veranschaulichen. Und da sind wir auch schon beim Stichwort. Ein Schaubild bringt komplexe Sachverhalte schnell auf den Punkt. Wie das im Folgenden zum Thema Brennweite.

Lange Brennweite macht dick.

Querstreifen machen dick, Längsstreifen schlank, heißt es wenn es um Kleidung geht. Wobei hier erwähnt sei, dass dies eine These ist, die sehr kontrovers diskutiert wird und nicht wirklich eindeutig zu beweisen ist. Manche behaupten auch einfach das Gegenteil.

Anders verhält es sich bei der Auswirkung unterschiedlicher Brennweiten auf das Aussehen von Gesichtern, Körpern und Räumen. Das zeigt die hier zu sehende Bildfolge (Quelle: GIPHY) sehr deutlich.

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Bei der in der Serie kürzesten Brennweite von 16 mm wird das Gesicht des Jungen extrem schmal und verzerrt beziehungsweise nach vorne und hinten in die Länge auseinandergezogen. Die optische Entfernung zwischen dem Baum im Hintergrund und unserem Hauptdarsteller ist viel größer als bei einer Brennweite von zum Beispiel 70 mm. Die Nase wirkt im Vergleich zum schlanken Gesicht riesig, die Augen klein.

In der klassischen Porträtfotografie liegt die Spanne der empfohlenen beziehungsweise beliebten Brennweiten zwischen 50 und 85 mm. Vor allem deswegen, weil ein Gesicht dann dem gleichkommt, wie der Mensch es in echt, mit dem bloßen Auge sieht. Die erkennbaren Verzerrungen, vor allem unterhalb dieses Bereiches werden allerdings auch immer öfter als stilistisches Mittel eingesetzt und anerkannt.

Bei der im Schaubild längsten Brennweite von 200 mm fällt vor allem auf, dass der Baum im Hintergrund, der bei 16 mm sehr weit weg war, nun nicht mehr als zwei Schritte hinter dem Jungen zu sein scheint, dessen Gesicht jetzt fast schon ein Mondgesicht ist, so breit und rund.